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Worte für die Zukunft

Rotary bahnt einen Weg zur vollständigen Alphabetisierung in Indien 

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Lange bevor er Präsident von Rotary International wurde, war Shekhar Mehta dafür bekannt, sich ehrgeizige Ziele zu setzen. Sein Ruf, schwierige Probleme erfolgreich anzugehen, war daher auch der Grund, warum ihn der ehemalige RI-Präsident Kalyan Banerjee 2014 bat, die Bemühungen um eine vollständige Alphabetisierung Indiens zu leiten - ein Ziel, das sowohl die indische Regierung als auch viele NGOs nicht erreicht haben.

„Mir wurde klar, dass es keine leichte Aufgabe ist, ein Land zur Alphabetisierung zu führen“, sagt Mehta, der die vollständige Alphabetisierung als eine Gesamtquote von 95 Prozent oder mehr für Menschen ab 7 Jahren definiert (die indische Regierung schätzt die derzeitige Alphabetisierungsrate auf 78 Prozent). „Aber ich glaube fest an Gandhis Ansicht, dass, wenn man das Ziel findet, die Mittel folgen werden.“

Als Buchhalter und Immobilienentwickler ging Mehta ohne jegliche Erfahrung im Bildungsbereich an die Sache heran. „Ich hatte keine Ahnung, überhaupt keine Erfahrung im Bildungsbereich“, sagt er. Er verbrachte etwa neun Monate damit, von Experten zu lernen, bevor er die Rotary India Literacy Mission (RILM) gründete, eine gemeinnützige Organisation, deren Ziel es ist, die Alphabetisierungsinitiativen der Rotary Clubs in ganz Indien zu stärken und zu vereinheitlichen.

Zu diesem Zweck hat RILM ein Programm mit Dienstprojekten entwickelt, das Clubs in ganz Indien dazu anregt, mit Unterstützung und unter Anleitung der gemeinnützigen Organisation Projekte durchzuführen. Die Projekte basieren auf dem System TEACH (Abkürzung aus den Anfangsbuchstaben für „Teacher, E-Learning, Alphabetization, Children und Happiness“, das einen Schwerpunkt auf den Aufbau bzw. die Verbesserung der (Lern-)Infrastruktur legt. „Wir sind der Meinung, dass jede Schule eine Schule sein sollte, in der unsere eigenen Kinder gerne lernen würden“, sagt Kamal Sanghvi, der von 2019 bis 2021 RI-Direktor war und nun, da Mehta RI-Präsident ist, RILM vorsteht.

Die Rotary-Mitglieder haben verstanden, dass eine Nation nur dann groß werden kann, wenn sie eine hohe Alphabetisierungsrate hat.

Nach dem Vorbild der erfolgreichen indischen Kampagne zur Ausrottung der Kinderlähmung warben die Koordinatoren in den Rotary-Zonen und -Distrikten des Landes für das TEACH-Programm. RILM-Mitarbeiter erstellten Handbücher und organisierten Schulungen, und nun arbeitet fast jeder Club in Indien an einem Projekt, um mindestens einen Aspekt des TEACH-Programms zu unterstützen. „Die Dynamik hat sich so wunderbar entwickelt“, sagt Sanghvi. „Die Rotary-Mitglieder haben verstanden, dass eine Nation nur dann groß werden kann, wenn sie eine hohe Alphabetisierungsrate hat.“

Die kombinierten Bemühungen von Hunderten von Rotary Clubs und ihren Partnerorganisationen haben zu erstaunlichen Ergebnissen geführt. Bis heute profitierten schätzungsweise 7 Millionen Kinder allein von der Lehrerausbildung im Rahmen von RILM. „Ausbildung, Standardisierung und die Entwicklung von Partnerschaften - das sind die drei Dinge, die das Programm zum Laufen bringen“, sagt Mehta.

Rotary-Mitglieder in Nepal, Pakistan und Bangladesch arbeiten alle an Alphabetisierungsprogrammen nach dem Vorbild der Rotary India Literacy Mission. Mitglieder in Togo haben kürzlich ebenfalls Interesse an dem Programm bekundet. „Das ist etwas, das überall nachgemacht werden kann“, sagt Shekhar Mehta.

Fotos: Rotary India Literacy Mission (RILM)

Aufgrund ihres Erfolgs erlangte die Rotary India Literacy Mission einen hohen Bekanntheitsgrad, was vor Kurzem zu ihrer bisher größten Initiative führte - der Zusammenarbeit mit der indischen Regierung zur Erstellung und Verteilung kostenloser E-Learning-Inhalte an Kinder, die aufgrund der COVID-19-Pandemie nicht zur Schule gehen konnten.

Wo werden Alphabetisierungsprogramme besonders gebraucht?

In den folgenden Ländern liegt die Alphabetisierungsrate bei Erwachsenen unter 50 Prozent:

  • Afghanistan
  • Benin
  • Burkina Faso
  • Zentralafrikanische Republik
  • Tschad
  • Côte d’Ivoire
  • Guinea-Bissau
  • Liberia
  • Mali
  • Niger
  • Sierra Leone
  • Somalia
  • Südsudan
* Quelle: UNESCO

„In vielen Gebieten Indiens ist die Internetverbreitung sehr gering“, erklärt Biswajit Ghosh, Chief Operating and Strategy Officer von RILM. „Und die Regierung tat sich schwer damit, Online-Bildungsangebote für die breite Masse bereitzustellen. Da griff Rotary ein und bot an, die Erstellung hochwertiger Multimedia-Inhalte für die Klassen 1-12 zu unterstützen.“

RILM arbeitete mit einer Videoproduktionsfirma zusammen, um die Inhalte zu erstellen, und deckte die Kosten durch Spenden und Sponsorengelder, sodass das E-Learning für die Regierung kostenlos war. Im Jahr 2020 begann die indische Regierung mit der Ausstrahlung der von Rotary gesponserten Inhalte auf mehreren Fernsehkanälen - einem pro Klassenstufe - sowohl in Englisch als auch in Hindi. Ghosh schätzt, dass die Lektionen für etwa 100 Millionen Schüler in ganz Indien zugänglich waren.

Das Ziel ist es nun, den gleichen Multimedia-Lehrplan in weitere indische Sprachen zu übersetzen und die Software an jede öffentliche Schule in Indien zu liefern. „Das Bildungsniveau in den Dörfern ist viel niedriger als in den Städten“, erklärt Sanghvi. „In der Stadt haben sie einfach einen besseren Zugang zu Technologie und Wissen.“

Eine flächendeckende Einführung von E-Learning könnte zwar dazu beitragen, diese Ungleichheit zu verringern, kann aber nur funktionieren, wenn die Lehrer wissen, wie sie die Software nutzen können. Hier kommt das „T“ in TEACH ins Spiel. „Wir schulen Lehrer in ganz Indien“, sagt Sanghvi und fügt hinzu, dass die Dringlichkeit dieser Maßnahme deutlich wurde, als Indien von der Pandemie betroffen war. „Viele Lehrer wussten nicht, wie man einen Zoom startet“, sagt Sanghvi.

Eine bessere Alphabetisierung ist besonders wichtig für Frauen. Mit guter Bildung haben sie eine bessere Chance, der Armut zu entkommen und den Lebensstandard ihrer Familien und Gemeinwesen zu verbessern.

Foto: Rotary India Literacy Mission (RILM)

Die gemeinnützige Organisation arbeitet mit Partnerorganisationen zusammen, um die E-Learning-Schulungen anzubieten, und vergibt außerdem eine Auszeichnung an Lehrerinnen und Lehrer, die sich besonders hervorgetan haben - beurteilt von ihren Schülerinnen und Schülern und der Schulleitung. Das Ganze funktioniert folgendermaßen: Rotary Clubs befragen Schüler vor Ort, und auf der Grundlage dieses Feedbacks wird ein Lehrer ausgewählt, der eine Nation Builder-Auszeichnung erhält. Lehrer, die schlecht abschneiden, werden für zukünftige, vom Club gesponserte Trainingsprogramme ausgewählt. „Wir erfahren, welche Lehrer hervorragend sind und wer seine Fähigkeiten verbessern muss“, sagt Sanghvi. „Das ist eine Win-Win-Situation für uns.“

Trotz des Erfolgs von RILM bei der Verbesserung der Lese- und Schreibfähigkeit von Kindern wird Indien nicht in der Lage sein, eine vollständige Alphabetisierung zu erreichen, ohne sich um die schätzungsweise 287 Millionen erwachsenen Analphabeten zu kümmern, die etwa ein Drittel der erwachsenen Analphabeten in der Welt ausmachen.

Sanghvi sagt, dass die Bemühungen der Regierung, die Alphabetisierungsrate in Indien zu erhöhen, nicht angekommen sind. Deshalb hat RILM die Veröffentlichung eines kleinen Arbeitsbuchs und einer Fibel unterstützt, die Erwachsenen helfen sollen, den ersten Schritt in Richtung „funktionale Alphabetisierung“ zu machen, d. h. Straßenschilder lesen und ihren Namen schreiben zu können, neben anderen Grundfertigkeiten.

Die E9 ist eine Gruppe von neun Ländern - Bangladesch, Brasilien, China, Ägypten, Indien, Indonesien, Mexiko, Nigeria und Pakistan -, die mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung sowie 70 Prozent der erwachsenen Analphabeten weltweit repräsentieren. Ihre gemeinsamen Anstrengungen haben erheblichen Einfluss auf den Erfolg globaler Bildungsinitiativen.

Lokale Clubs verteilten diese Fibel an Schüler und baten darum, dass „jeder einen unterrichtet“ - mit anderen Worten, ein Kind, das ein Familienmitglied hat, das nicht lesen oder schreiben kann, könnte diese Fibel als Hilfsmittel benutzen, um ihm die Grundlagen beizubringen. „Die Schulkinder waren begeistert“, sagt Sanghvi. „Sie sagten: 'Oh Gott, ich werde Lehrer!'“

Das Ziel von RILM ist es, jedem indischen Bürger zumindest funktionale Lese- und Schreibkenntnisse zu vermitteln, damit er in der Lage ist, an den alltäglichen Aktivitäten in seiner Gemeinde teilzunehmen, die grundlegende Lese- und Schreibkenntnisse erfordern. Die Pandemie zwang RILM, diese Frist um zwei Jahre zu verlängern. Die Gruppe hofft nun, dieses Ziel bis 2027 zu erreichen.

Es sei ein ehrgeiziges Ziel, räumt Mehta ein, aber „Rotary blüht in Indien. Wir müssen also kühn träumen.“

Aus dem Rotary Magazine, September 2021


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